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Gewaltprävention

Starker David, kleiner Goliath

Unter dieser Überschrift schilderte die Reporterin Julia Donath in der Zeitschrift „Familie & Co.“ ihre Erfahrungen, die sie in Brilon machte: ln Selbstbehauptungskursen lernen schon die Kleinsten, wie man sich gegen Große verteidigt. Was ein Polizei-Hauptkommissar Kindern beibringt. Ein Besuch in Brilon.

Die Sonne scheint. Malerische Fachwerkhäuser reihen sich um den kopfsteingepflasterten Marktplatz. Das Städtchen Brilon im Sauerland wirkt, als sei die Welt noch in Ordnung. Und doch unterrichtet ausgerechnet hier Polizei-Hauptkommissar Oliver Milhoff Selbstbehauptung für Kindergartenkinder: WingTsun.

WingTsun wird auch die verborgene Kraft genannt. Es ist eine Kampfkunst, die ohne Regeln auskommt, eine Technik, die darauf aus ist, jede einzelne Bewegung zu optimieren und noch effektiver zu machen. Der Legende nach von einer Frau erfunden, bedarf es weder Kraft noch Akrobatik, um einen Gegner zu besiegen. Es ist kein Wettkampfsport, sondern Selbstverteidigung. Es ist die uralte Geschichte von David und Goliath: Der Kleine kann gegen den Großen gewinnen, der Schwache besiegt den Starken.

Oliver Milhoff nickt: „Deshalb ist es optimal für Kinder. Es geht um Selbstbehauptung. Sie lernen, vernünftig aufzutreten, sich selbstbewusst zu präsentieren und aus Konflikten unbeschadet herauszukommen. Sie sollen sich nicht schlagen, sondern erfahren, wie man brenzlige Situationen selbstbewusst löst, bevor es zu Gewalt kommt.“
Heute findet Selbstbehauptung für Schulanfänger statt. Kindergartenabsolventen sollen in den Ferien lernen, wie man Konflikten auf dem Schulhof und im Klassenzimmer aus dem Weg gehen kann. Sieben Kinder sind da, fünf Mütter, ein Polizei-Hauptkommissar und eine Reporterin.

Die Eltern und ich nehmen am Rand Platz und schauen zu. Oliver mimt „das doofe Kind“, das uns heute noch öfter begegnen wird, und übt mit den Schulanfängern, wie man einfach weitergeht, wenn ein anderer gemeine Dinge sagt. Hinterher bringt er ihnen bei, wie man einen Schwitzkasten verhindert und im Notfall auch wieder hinauskommt und was man macht, wenn „das doofe Kind“ einen nicht zur Toilette lässt. Bei der nächsten Übung zeigt Oliver, wie man reagiert, wenn man am Ranzen gezogen wird – und hier kommt der Grundsatz des WingTsun ins Spiel: „Dagegenziehen bringt nichts“, erklärt der Polizist. „Macht einen Schritt nach vorne und nehmt den Schwung mit, um euch zu befreien. Nicht Kraft gegen Kraft, sonst gewinnt immer der Stärkere und so soll’s nicht sein.“ Zwischen den Übungen, die jedes Kind so lange macht, bis es sie verstanden hat, bleibt Zeit für zwei Bewegungsspiele, die bei den Kinder für Begeisterung sorgen – und für entsprechende Lautstärke in der Halle.

Die Haltung entscheidet

Oliver vermittelt viel Grundsätzliches. Zum einen: Nicht lachen oder grinsen, wenn man etwas erreichen möchte, sonst wird man nie ernst genommen. Zum anderen: Die Haltung der Hände sagt viel aus. Zeigen wir mit dem Zeigefinger, wollen wir etwas, drehen wir die Handflächen nach oben, fragen wir, drehen wir sie nach unten, beschwichtigen wir.

Dann kommt der Part mit der Verteidigung gegen Erwachsene: „Fremde Erwachsene muss man immer siezen“, erklärt der Kommissar. „Sagt: Lassen Sie mich los, ich kenne Sie nicht, und zwar so laut wie möglich. Ansonsten sieht es so aus, als hättet ihr nur Streit mit eurem Vater oder eurer Mutter. Wenn ihr Sie sagt, dann weiß jeder in Hörweite, dass das eine euch unbekannte Person ist.“
Die Stunde endet mit dem Klassiker: aus dem Auto angesprochen werden. Oliver betont immer wieder: „Niemals wird euch ein Erwachsener um Hilfe bitten müssen. Erwachsene können sich selbst helfen oder jemand anderen fragen. In keinem Fall brauchen sie ein Kind. Egal, was der Mann sagt, antwortet nicht, sondern geht weiter. Selbst wenn er behauptet, die Mama sei krank und er bringt euch zu ihr. Das ist eine Lüge. Nicht antworten, weitergehen! Und wenn die Tür aufgeht, wegrennen und um Hilfe rufen.“ Der Hauptkommissar ist überzeugt, dass es den großen bösen Mann nicht gibt, der Kinder einfach so ins Auto zieht, vielmehr würden die Übeltäter locken und überreden. Daher umso wichtiger: Abstand halten, so dass der Fremde lauter sprechen muss und einem gar nicht erst nahe kommt. Die Kinder üben das in der Halle. Sie üben zügiges Gehen, lautes Schreien („Hilfe, der Mann verfolgt mich, ich habe Angst!“) und Wegrennen.

Aufmerksam bleiben!

Dann wird’s ernst: Oliver nimmt die Mütter und Kinder mit auf den Parkplatz. Er setzt sich ans Steuer und öffnet das Autofenster. Als das erste Kind vorbeikommt, lässt er ein Buch herausfallen und bittet das Mädchen, es wieder aufzuheben. Sie tut es und bringt es ihm ans Fenster. Ihre Mutter ist fassungslos. Ein Kind nach dem anderen passiert das Auto mit Oliver und er denkt sich immer Neues aus: „Ich habe eine Taschenlampe. Ist das deine?“, „Bin ich hier in Brilon?“ und so weiter. Obwohl die Kinder anderthalb Stunden lang gelernt haben, worauf es ankommt, obwohl Oliver ihnen wieder und wieder eingetrichtert hat, wie sie zu reagieren haben (nämlich gar nicht), bleiben die meisten kurz stehen, sagen „Nein“ oder drehen sich suchend um. Kaum ein Kind schafft es, den Mann zu ignorieren und einfach weiterzugehen. Das aber, was bei wirklich allen hängengeblieben ist, ist das Allerwichtigste: wenn Oliver die Tür aufschwingen lässt, rennt jedes Kind augenblicklich los.

Text: Julia Donath
Fotos: WT-Schule Brilon

Anmerkung der Redaktion:
Oliver Milhoff ist ausgebildeter EWTO-Kids-WingTsun-Fachtrainer. Im Kids-WingTsun werden die Grundsätze der EWTO-Gewaltprävention die Kinder kindgerecht weiter geschult. Durch das kontinuierliche Training werden sichere Verhaltensweisen geübt und gefestigt, um so in einer realen Situation automatisch abgerufen zu werden. Es ist nicht mit einem einmaligen Kursus getan, dass die Kinder – das gilt für Erwachsene gleichermaßen – sicher angemessen reagieren können.