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Täterprofile Teil 2: Täter suchen Opfer und keine Gegner

Mit wem haben wir es zu tun?
Es geht dabei nicht um die Frage nach „Schuld“. Schuldig ist im Zweifelsfall immer der Täter.
In diesem Beitrag sollen einige Erkenntnisse der Täter-Opfer-Forschung vorgestellt werden, wie beide im Verhältnis zueinander stehen.

Mit wem haben wir es zu tun? Es geht dabei nicht um die Frage nach „Schuld“. Schuldig ist im Zweifelsfall immer der Täter. Bestimmte Tätertypen schematisch darzustellen, halte ich für wenig nützlich. In jedem Menschen stecken aggressive Verhaltensweisen, die anderen schaden können. Vielmehr finde ich es sinnvoll, im Folgenden auf typische Verhaltensweisen einzugehen.

„Täter suchen Opfer und keine Gegner" ist eine zentrale Botschaft von Reinhard Kautz, einem Experten für Gewaltprävention bei der Berliner Polizei. Seiner Auffassung nach spüren Täter Opfersignale auf. Dazu gehören u.a. gezieltes Weggucken, devote Körperhaltung, leise undeutliche Sprache und ein unsicherer Gang. Sie besitzen einen Instinkt für Distanzverletzung. Täter wollen das Distanzgefühl zerstören und durch ein „Magnetfeld" ersetzen. Sobald sie sich „magnetisch" vom Opfer angezogen fühlen, lassen sie nicht mehr ab. „Magnetisch" heißt, dass eine „Beziehung" zwischen beiden besteht.

Die Aussage von Kautz, „Täter suchen sich nicht Gegner, sondern Opfer", lässt sich mit Khaleghl Quinns (britische Autorin zu diesem Thema) Sichtweise vervollständigen: „Täter haben als Opfer angefangen". Demnach waren 90 Prozent aller aggressiven Menschen selbst Opfer von mentaler oder körperlicher Gewalt und versuchen durch ihr aggressives Verhalten ein inneres Gefühl der Ohnmacht auszugleichen. In diesem Sinn betrachtet Quinn diese erfahrene Gewalt als die Beziehung zwischen Schlägertypen und Opfertypen.

Chronische Schlägertypen haben aufgrund ihrer eigenen Gewalterfahrungen gelernt, jede Wahrnehmung von Verletzlichkeit und Schwäche zu unterdrücken. Das erzeugt bei ihnen eine Unfähigkeit, subtilere Gefühle wie Angst, Trauer, Traurigkeit oder Verletzlichkeit auszudrücken. Quinn zufolge sind sie damit von einem Gefühl der Ganzheit und der Ausgeglichenheit abgeschnitten. Das drückt sich in einer „unruhigen" Ausstrahlung aus (vor allem im Oberkörper). Opfertypen hingegen bilden mit ihrem vakuumartigen Energiefeld das Gegenstück dazu. Sie richten ihre Aggression nach innen und versperren sich so ihre Kraftquellen, mit denen sie sich wehren könnten.

Es entsteht in der Wechselbeziehung von Täter- und Opfertypen ein „falsches Gefühl von Gleichgewicht", so Quinn, das eine Magnetwirkung beider zueinander zur Folge hat.

In „gewalttätigen Beziehungen" wird dieses Ungleichgewicht oftmals von „Mäuschenverhalten" der Partnerin und dem „Machoverhalten" des Partners aufrecht erhalten. Auch Männerbekanntschaften können diese Merkmale besitzen. Beobachtungen hierzu wurden bereits in Männer-Gefängnissen durchgeführt. Wie heißt es im Volksmund: „Jeder Topf sucht sich einen passenden Deckel."
Quinns Ansatz ergänzt die o.g. Ausführungen von Kautz, der ebenfalls von einer Magnetwirkung der Täter spricht. Der Ausweg aus der Täter-Opfer-Beziehung besteht laut Quinn letztendlich mit der Anerkennung des Täters und des Opfers in uns selbst.

In dieser Hinsicht kann man/frau sich erst von der „Kraft" des Gegners befreien, wenn diese Opfer-Täter-Beziehung verändert wird. Damit meint sie, dass der Täter von der Macht bzw. Anerkennung profitiert, die ihm von anderen gegeben wird. Deswegen sollte der Täter entmystifiziert, d.h. von seinem hohen Ross geholt werden. Konsequenterweise benutzt Quinn in ihren Ausführungen das Wort „Feigling" für Täter.

Mit wem haben wir es hier zu tun?

„Anonyme" Täter wollen Kautz zufolge am liebsten unerkannt bleiben. Sie suchen bevorzugt Menschen „ohne Gesicht" als Opfer. Dadurch sinkt die Wahrscheinlichkeit, sich mit der „menschlichen" Seite des Opfers auseinander setzen zu müssen. Je anonymer ein Opfer erscheint, um so geringer ist die Hemmschwelle, Gewalt anzuwenden. Verdinglichung, Anonymisierung bzw. die „Entmenschlichung" der Menschen sind seit jeher Kennzeichen von Herrschaft und Unterdrückung.

95 Prozent der Opfer-Einschüchterung geschieht laut Kautz auf einer nonverbalen Ebene. Worte spielen nur eine untergeordnete Rolle. Deshalb zählen weniger Argumente, sondern vielmehr Körpersprache und Lautstärke, um sich im Ernstfall zu behaupten.
Wörter wie „Polizei", „Anzeige" oder „Schadensersatz" können den Angreifer einschüchtern und zum Rückzug bewegen.

Bezüglich der Tätersprache nennt der US-Sicherheitsberater Gavin de Becker („Mut zur Angst") folgende Anhaltspunkte, auf die insbesondere Frauen beim Gegner in einer „unangenehmen" Situation achten sollten:

  • Die Sprache der Angst vor Zurückweisung
  • Die Sprache des Anspruchs
  • Die Sprache der Prahlerei
  • Die Sprache der Suche nach Aufmerksamkeit
  • Die Sprache der Rache
  • Die Sprache der Anhänglichkeit
  • Die Sprache der Identitätssuche

Oft sind einige dieser Sprachen miteinander verknüpft, so De Becker.

Es ist weiterhin wichtig, dem Täter ins Gesicht zu sehen und als „Opfer" Gesicht zu zeigen. Die Verständigung sollte in erster Linie laut sein. Denn es kommt weniger auf den Inhalt als auf die Lautstärke an, mit der der Täter konfrontiert wird. Die Störung der Distanz-Zone darf dabei nicht zugelassen werden. Hinzuzufügen ist hier die körperliche Präsenz, d.h. die Ausstrahlung, mit der wir auf den Täter reagieren. Mehr dazu ist in den Büchern „Verteidige dich" bzw. „BlitzDefence" nachzulesen.

Ein wichtiger Schlüssel, um aus dem o.g. Opfer-Täter-Syndrom herauszufinden, ist nach Quinn in einer Vorkampfsituation die positive Einstellung zu sich selbst. Diese Haltung versetzt den Körper automatisch in die Lage, besser mit den eigenen Kraftquellen umzugehen.

Sind die meisten Menschen zu „kultiviert", um auf direkte Bedrohungen adäquat zu reagieren? Ist unsere Kultur gegenüber direkter körperlicher Gewalt „verweichlicht"? Oder sind wir zu wenig „kultiviert", weil unsere Gesellschaft Gewalt toleriert? Haben wir es nicht gelernt, für uns und unsere Umwelt mehr Verantwortung zu übernehmen?

Gewalt ist ein gesellschaftliches Phänomen, das von vielen toleriert und dessen Bewältigung am liebsten an andere (die Polizei, den großen Bruder oder den Sicherheitsangestellten) delegiert wird.
BlitzDefence fördert angemessene Verhaltensweisen bei Gewalt und legt Verantwortung nahe.

Quinn zufolge wurde den meisten Menschen ein gesunder Umgang mit Zorn und Verletzlichkeit in der Kindheit aberzogen. Diesen gilt es, auf konstruktive Weise zu aktivieren.

Oliver C. Pfannenstiel, 3. TG