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Sicherheit

Sicher nach Hause kommen? – Jugendgewalt im Berliner Nahverkehr

Es ist der 28. April 2011, 4.20 Uhr am frühen Morgen. Wir befinden uns am Weddinger U-Bahnhof Amrumer Straße. Eine Überwachungskamera zeigt, wie ein junger Mann plötzlich aus einem toten Winkel heraus im hohen Bogen auf dem Bahnsteig landet. Vermutlich wird er mit einem kraftvollen Schubser dorthin befördert. Die Täter sind sofort zur Stelle und treten immer wieder mit Schwung auf ihn ein.

Anhand der Aufzeichnung kann man erschließen, dass der junge Mann vor seinen drei Angreifern fliehen wollte und ihm ein vierter auf dem Bahnsteig entgegengekommen ist, der ihn im Lauf geschubst hat. Die Täter waren auf Wertgegenstände aus und ihr Jagdinstinkt schlug in einen Blutrausch um, als das Opfer wegzurennen versuchte. Der 21-Jährige erlitt unter anderem schwere Kopfverletzungen und Schnittwunden. Weil ein vierter Täter den Fluchtweg verstellte, könnte man von einem vorsätzlichen, d.h. geplanten Raubüberfall ausgehen. Die Täter entkamen unerkannt.

Gerade einmal fünf Tage vorher ereignete sich eine ähnlich niedrigschwellige Tat am U-Bahnhof Friedrichstraße, der ebenfalls von einer Überwachungskamera aufgezeichnet wurde. Ein 18-jähriger Gymnasiast prügelt zusammen mit seinem gleichaltrigen Kumpel am 23. April im auf einen 29-Jährigen ein. Der geständige Täter, dessen Vater Jurist ist und der in gutbürgerlichen Verhältnissen lebt, gibt an, dass er im alkoholisierten Zustand Streit suchte. Zuerst beginnen eine Anpöbelei und Einschüchterung, dann folgen Schläge mit Gegenständen und der Faust, bis der Angegriffene zu Boden geht. Anstatt von ihm abzulassen, entlädt der Gymnasiast seine Aggressionen mit heftigen Tritten zum Kopf. Erst als ein mutiger Passant einschreitet, entfernen sich die beiden Angreifer vom Tatort. Eine Zeugin alarmiert die Polizei. Später stellen sie die Täter und werden gegen Auflagen wieder auf freien Fuß entlassen.

Zuvor gab es im Februar einen ähnlich brutalen Überfall von zwei 14- und 17-jährigen Jugendlichen auf einen 30-jährigen Maurergesellen, der gegen Mitternacht nach einem Feierabendbier am S-Bahnhof Lichtenberg auf den Zug wartete. Die beiden Täter wollten sein Handy. Sie griffen das Opfer hinterrücks an, traten und schlugen ihn so lange, bis er bewusstlos war. Schließlich schritt ein 30-jähriger Autofahrer ein und setzte dem Angriff ein Ende. Das Opfer musste wegen der schweren Verletzungen in ein künstliches Koma versetzt werden.
In allen Fällen waren Zeugen vor Ort. Beim Überfall am U-Bahnhof Amrumer Str. sieht man sogar einen Mann, der im Hintergrund in lockerer Haltung auf der Wartebank sitzt. Im zweiten Fall schiebt eine Reinigungskraft ihre Putzmaschine über die Gleise und andere Passanten warten auf die U-Bahn. Im dritten Fall sahen andere wartende Fahrgäste zu und einer stahl sogar die Jacke des Gesellen. Bis auf die couragierten oben erwähnten Eingreifer traute sich niemand in irgendeiner Form zu helfen. Die Polizei ermittelt wegen unterlassener Hilfeleistung.

Diese drei ausgewählten Szenen sind nur die Spitze des Eisberges der Gewalt, wie sie täglich im Berliner Nahverkehr stattfindet. Allein im Jahr 2010 waren es laut Berliner Morgenpost 4446 Fälle von Körperverletzung nur im Berliner Nahverkehr. Wer vor allem abends am Wochenende mit U- und S-Bahn unterwegs ist, kann sich ein Bild von Jugendlichen machen, die zu Hause keine Grenzen aufgezeigt bekommen. Manche Waggons ähneln fahrenden Kneipen, in denen Cliquen lautstark und Alkohol trinkend ihre Zeit verbringen. Der Wachschutz ist chronisch unterbezahlt und überfordert, die Situation flächendeckend in Griff zu bekommen. In manchen Fällen wird er sogar mit Waffen bedroht. Außerdem hatte man aus Spargründen die Polizei aus S- und U-Bahn abgezogen.

Nun diskutiert man, ob die Polizei im öffentlichen Nahverkehr wieder verstärkt Präsenz zeigen, das Jugendstrafrecht verschärft und das Alter für Strafmündigkeit herabgesetzt werden soll. Das neue Schlagwort heißt „Warnschuss-Arrest“. Der Täter soll nicht erst Monate auf den Prozess warten, sondern unmittelbar nach der Tat den Vorgeschmack auf eine Jugendstrafe mitbekommen. Er soll sofort in Arrest genommen werden, was Politiker als eine Art „gelbe Karte“ für Jugendstraftäter verstanden wissen wollen. Das ist aber rechtlich sehr schwierig durchzusetzen. Auch vom Alkoholverbot in der Öffentlichkeit ist die Rede. Doch Patentrezepte gibt es bislang nicht, wie man am besten mit der Jugendgewalt umgeht, die immer niedrigschwelliger, d.h. brutaler, wird. Rund ein Viertel aller Straftaten wird von Jugendlichen bis 21 Jahre begangen. Rund drei bis fünf Prozent von ihnen sind Mehrfachtäter. Die Dunkelziffer der Jugendgewalt liegt natürlich höher, da lange nicht alle Taten angezeigt werden.

Bislang kommen die meisten Täter mit vergleichsweise harmlosen Bewährungsstrafen davon; ganz unerheblich, ob sie bereits polizeibekannt sind oder nicht. Zwar werden immerhin zwei Drittel aller (wegen jeglichen Delikten von Diebstahl bis Körperverletzung) Verurteilten nicht rückfällig, andere aber nutzen jeden rechtlichen Spielraum aus, um ihre kriminelle Energie zu entfalten. Nicht wenige von ihnen trotzen bei der Festnahme damit, dass sie ohnehin wieder auf freien Fuß kommen und die Polizei machtlos ist, erzählen mir WT-Schüler, die Polizeibeamte sind. Werden sie verurteilt, so erhöht das bei vielen die „Street-Credibility“. Das ist ein Imagezuwachs, um als „böser Junge“ innerhalb des (as)sozialen Umfeldes ernst genommen zu werden.
Es gilt die Faustregel, dass mit steigender Verbrechensintensität die Rückfallquoten zunehmen. Außerdem kommen immer wieder neue Täter hinzu, die von anderen zu Straftaten ermutigt werden oder einfach zu Hause keine Grenzen aufgezeigt bekommen. Hintergründe gibt es viele, aber keinen, der zwangsläufig zur kriminellen Handlung führen muss. Der Mix aus sozialer Herkunft, individuellem Aggressionspotenzial und Deeskalationsfähigkeit, eigener Perspektive, Drogen, Frustrationsgrenze, Unzufriedenheit, fehlenden Jugendeinrichtungen und Sozialarbeiterbudgets sowie einer Reihe anderer Gründe macht es.
Die „bösen“ von den „guten Jungs“ zu unterscheiden, damit hat so mancher Richter, der meistens „aus gutem Hause“ kommt, ein Problem. Das habe auch ich als Beobachter in manchen Prozessen miterlebt. Die gewaltbereite Szene mit ihrem Habitus kennen die wenigsten von ihnen. „Der Resozialisierungsgedanke steht bei den Berliner Jugendrichtern immer noch an erster Stelle“, so Jörg*, ein Justizvollzugsbeamter, der WT betreibt. „Die meisten Jugendstraftäter, die wieder entlassen werden, sehen wir oder Kollegen in anderen JVA früher oder später wieder. Die Rückfallquote ist sehr hoch. Schätzungsweise liegt sie bei 90 Prozent.“ Man kann also nicht damit rechnen, dass sich das Problem Jugendgewalt in absehbarer Zeit „löst“. Es wird die Täter immer geben, in ihrer Vielzahl und auch Brutalität so lang, wie es Menschen gibt, die ihnen keine Grenzen setzen.

Der beste Schutz vor Jugendgewalt kann nur darin liegen, sich Sicherheit mit Selbstverteidigung zu verschaffen. Spätestens hier sind wir beim WT angelangt. Wer sich als WT-ler die Videos ansieht, stellt schnell fest, dass es viele Möglichkeiten der Selbstverteidigung gibt, solche Angriffe abzuwenden. Außerdem achtet man mehr auf potenziell gefährliche Situationen und überlegt sich bewusst, wie und wo man nachts unterwegs ist. Das geht zwar nicht direkt an die Ursache des Problems, trägt aber erheblich zur Sicherheit bei und ist unerlässlich für den Selbstschutz in einer Notwehrsituation.

Text: Sifu Oliver C. Pfannenstiel
Fotos: Fotolia; mg

*Der Name ist geändert und der Redaktion gut bekannt.