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Editorial

Das Herz des WingTsun oder die Geheimnisse der Höheren Grade

Während der Schülergrade hast du gelernt, wie du dich effektiv verteidigst. Du hast schon viel Neues, Unbekanntes, Ungewohntes erfahren. Nun stehst du am Übergang vom Schüler- zum 1. Höheren Grad. Was dort passiert, soll dieses Mal unser Thema sein.

Schülergrade machen dich verteidigungsfähig

Die WingTsun-Programme sind so eingeteilt, dass ein Schüler/eine Schülerin in den ersten Jahren lernt, sich effizient zu verteidigen. Dazu hat Großmeister Kernspecht für die EWTO-Programminhalte erschaffen, die dies ermöglichen und die stufenweise vorgehen. Anfangs in den ersten Schülergraden übt der Lernende Einfacheres, wie das Erfassen verschiedener möglicher Armpositionen eines Angreifers. In der Mittelstufe folgen Schwingerattacken, Tritte und Ringerangriffe, die abzuwehren sind. In den letzten Schülergraden lernt der Schüler dann noch, sich gegen bewaffnete und/oder mehrere Angreifer zu verteidigen.

Dies alles geschieht mittels WingTsun-Techniken, die Großmeister Kernspecht zum Teil aus hohen Programmen entnahm, um sie in den Schülergradprogrammen nutzbringend und dem Kenntnisstand der Schüler angepasst einzusetzen.
 

Das echte WingTsun und sensomotorisches Lernen

Doch das „Herz“ des WingTsun – das, was WingTsun wirklich ausmacht – erlernt der Schüler bzw. die Schülerin erst im Laufe des Trainings auf Höhere Grade. Das Herz des WingTsun bildet das ChiSao, die sogenannte Fühl- oder Reflex-Schulung. Einen kleinen Einblick erhält man allerdings bereits in den Schülergraden mit einfachen Reflexübungen und dem DanChi und PoonSao – dem einarmigen bzw. zweiarmigen Reflex-Training. So richtig geschult wird der Körper jedoch erst im Training für die Höheren Grade.

Hier geht es um die Fähigkeit, den Körper geschmeidig der Aktion des Angreifers anzupassen und federgleich die eigene Abwehrantwort zu platzieren. Dies alles funktioniert mit der Zeit automatisiert, weil unser Nervensystem sich die Impulse und Bewegungsabläufe merkt und abspeichert. Diese Art Bewegungen zu lernen, nennt man sensomotorisches Training, ein Training der Verbindungen zwischen Nervensystem und Bewegungsapparat. WingTsun bietet hier eine wirklich einzigartige Weise, Bewegung zu schulen.

Die sogenannten ChiSao-Sektionen lehren den Körper oberflächlich betrachtet eine Bewegungsabfolge. Doch geht man in die Tiefe, lässt sich erkennen, dass hier dem Körper Bewegungsmöglichkeiten und Reaktionen eingepflanzt werden. Sind diese erst verinnerlicht, braucht das bewusste Denken nicht aktiviert zu werden. Der Körper weiß bereits, wie er auf einen bestimmten Druck – infolge Kontakts durch einen Angriff – zu reagieren hat und tut dies automatisch. Dies ermöglicht Reagieren in Minimalzeit – auch in Stresssituationen.
 

ChiSao-Können bleibt

Während sogenannte „Einzeltechniken“ wieder verloren gehen werden, sobald man sie nicht regelmäßig wiederholt, bleibt ChiSao-Können im Körper verankert. Einmal gelernt, können die Bewegungen und Reaktionen auch Jahre später quasi auf
(Knopf-)Druck abgerufen werden. Man mag zwar den Ablauf der Bewegungsabfolge vergessen haben, doch gibt der Lehrer oder Partner die Impulse, sind die Bewegungsantworten automatisch wieder aktiviert.

Weil diese Art der Körper- und Bewegungsschulung in sich wirklich sensationell und einmalig ist, nennt man sie „Höhere Schule des WingTsun“. Sie ist vergleichbar einem Studium an der Universität. Entsprechend fordert sie vom Lehrer ein großes Maß an eigenem Bewegungskönnen und an Fähigkeit der Vermittlung dieser Inhalte, um wirklich das Ziel dieser Schule erreichen zu können.

Als Schüler, als Schülerin hilft es enorm, wenn du bei dieser Art des Trainings deine volle Aufmerksamkeit am Start hast. Es ist wichtig, jede einzelne Bewegung wahrzunehmen, sich in sie zu vertiefen, sie zu erforschen. Zusammenarbeit von Körper und Gehirn ist hier gefragt. Doch dies wollen wir in einem späteren Editorial besprechen.
 

Das Studium für die eigene Bewegungsfähigkeit

Was musst du nun also tun, um „einen roten Ärmel“ und vor allem diese höheren WingTsun-Fähigkeiten zu bekommen und dich ins Studium deiner Bewegungen zu vertiefen zu können?

Sobald du den 12. Schülergrad bestanden hast, betrittst du in die Eingangsstufe für die Höheren Grade. Neu ist ab dieser Stufe, dass für das Erlernen der höheren Programme eine Art Studiengebühr zu entrichten ist, bevor du sie erlernen darfst. Dieser Betrag beinhaltet aber auch bereits die Prüfungsgebühr.

Damit bist du zum Erlernen der höheren Programme zugelassen und beginnst mit dem Üben. Lasse dich möglichst von einem qualifizierten Meister in die Inhalte einweisen und ebenso regelmäßig kontrollieren, damit du das Maximum aus dieser Schulung herausholen kannst.

Die Lernzeit auf den 1. Höheren Grad (HG) – auch „Vorbereitungszeit“ genannt – ist für gewöhnlich 18 Monate. Bereits drei Monate vor dem Ende dieser Zeit kannst du mit der Stufenprüfung auf den 1. HG beginnen. Auf dieser Stufe wird erstmals eine schriftliche Arbeit verlangt. Sie hat das Thema „Mein Kampfkunstlebenslauf“ und soll vier Seiten umfassen. Der Inhalt dieser Arbeit kann ein Bericht z.B. über mögliche andere Kampfkünste sein, die du vor WingTsun ausgeübt hast oder wie du zum WingTsun gekommen bist und was es dir bis heute gebracht hat – sozusagen eine Rückblende über deine bisherige Kampfkunstkarriere. Am besten gibst du deine Arbeit schon vor dem Start in die praktische Prüfung ab. In der Schweiz ist dies sogar Voraussetzung, um überhaupt die Prüfung beginnen zu können. Es wäre schließlich schade, wenn du nach abgelegter praktischer Prüfung noch lange Zeit für die Theoriearbeit verlierst; denn die Prüfung zum 1. HG gilt erst mit beiden Teilen als bestanden.

Als angehender Höherer Grad hast du die Möglichkeit, die Ausbilderlaufbahn zu beschreiten. Dazu besuchst du die Lehrgänge für den WingTsun-Übungsleiter und den WingTsun-Trainer-1. Sie werden im Rahmen der Ausbilderlehrgänge, die vier Mal im Jahr in Wiesenbach, München bzw. Kiel stattfinden, angeboten. Diese beiden Ausbildungen brauchst du, um den 1. HG/Lehrergrad zu erreichen. Damit bist du dann berechtigt, Schüler zu unterrichten.

Willst du nicht unterrichten, reicht ein Trainer-4-Seminar als Zusatzausbildung. Diese Seminare werden u.a. ebenfalls im Rahmen eines Ausbilderlehrgangs zu verschiedenen Themen angeboten, aus denen du eines auswählen kannst. Am besten besuchst du das Seminar schon rechtzeitig vor deiner praktischen Prüfung.

Die praktische Prüfung besteht normalerweise aus zwei Teilen. Beim ersten Teil schaut sich der Prüfer an, wie du die SiuNimTau und die ChamKiu ausführst. Natürlich kannst du die Abläufe dieser Formen schon. Doch auf dieser Stufe wird noch viel mehr auf Genauigkeit der Bewegung Wert gelegt. Auch dies ist eine sensomotorische Übung. Dann wird betrachtet, wie du mit den Sektionen 1 - 4 umgehen kannst, wie deine Reaktionen sitzen. Der Ablauf ist dabei eher unwichtig; denn er stellt nur ein Inhaltsverzeichnis für den Ausbilder dar.

Beim zweiten Prüfungsteil werden die ReakTsun-Programme geprüft und wie du mit den Blitzen umgehen kannst, wenn man dich entsprechend angreift. Es werden kleine Stressübungen gemacht, z.B. Angriffe ohne Kontakt auf kurze Distanz mit Schlagen, Schubsen, Greifen und mit Hebeln.

Danach erhältst du, wenn auch alle anderen Voraussetzungen erfüllt sind, die Bestätigung zum bestandenen 1. Höheren Grad.
Aber das Abenteuer geht weiter. Jetzt steigst du zur zweiten HG-Stufe auf. Du lernst, deinen Körper – und den des potenziellen Angreifers – nochmals ganz anders zu beherrschen.
 

Ich wünsche euch viel Freude, bei der Entdeckung des Herzens des WingTsun!

Euer Giuseppe Schembri