EWTO

La Tortura 2020

„The first comes from the heart“

Seit ein paar Jahren findet jedes Jahr im Sommer in der WingTsun Schule My in Bad Wildungen das Event „La Tortura“ statt. In dieser Woche wird in den Bereichen WingTsun, Luta Livre und Escrima intensiv jeden Tag trainiert. Auf Anraten eines Freundes in meiner WT-Schule habe ich mich dieses Jahr dafür angemeldet und war sehr gespannt darauf was mich erwarten würde.

Nach dem Motto „The first comes from the heart“ hat das Seminar am Sonntag, den 19. Juli mit Großmeister Thomas Schrön begonnen. Getreu diesem Motto war auch der Empfang am Sonntagmorgen in der Schule von Sifu Cosimo My sehr herzlich. Die Schule selbst ist sehr hell und offen gestaltet. Große und lichtdurchflutete Räume laden zum Trainieren ein. Auch die Raumgestaltung ist gut durchdacht, so sind in jedem der beiden Räume im vorderen Teil Spiegel angebracht, bei denen man sich und seine Bewegungen selber gut reflektieren kann.

Schon zu Beginn des Tages herrschte eine gute Stimmung, diese blieb die ganze Woche über erhalten. Großmeister Thomas Schrön ließ uns zu Beginn alle die SiuNimTau durchlaufen. Dabei prüfte er bei jedem die Stabilität des Standes. Da jedoch einige, eingeschlossen mir, sehr unstabil standen, erklärte er uns die grundsätzlichen Bewegungsmuster mit denen wir einen stabileren Stand erlangen könnten. Wichtig ist ein schulterbreiter Stand, außerdem ein grader Rücken und Kopf, sowie die Aktivierung der vorderen und hinteren Beinmuskulatur und das Anspannen der Rumpfmuskulatur. Anhand der Übungen Drücken und Ziehen mit Partner konnte er gut erklären wie wichtig es ist, dass man wenn man in die Knie geht, mit den Knien nach außen drückt und beim Aufrichten nach Innen drückt. So verliere man nicht die Stabilität. Außerdem erklärte er dass wenn ein Teil des Körpers nach vorne geht, ein  anderer Teil nach hinten gehen muss. Das heißt wenn ich jemanden ziehen will, dann gehen zwar die Arme zurück, aber die Knie nach vorne. Wichtig dabei ist außerdem dass der Zug von den Händen ausgeht, den Körper durchläuft und in den Füßen endet.. Damit legte Großmeister Thomas Schrön den Grundstein für die ganze Woche.

Am Montag und Dienstag übernahm Sifu Cosimo das Training und zwar mit Übungen, die auf der Struktur die wir am Vortag erlernt hatten, aufbauten.  So wurde die Struktur zur Basis jeder Übung. Zusätzlich zur Struktur brachte Sifu Cosimo das Thema Öffnen und Schließen zur Sprache. Das heißt alle Bewegungen die von der Körpermitte zur Körpergrenze gehen, sind öffnende Bewegungen und alles Bewegungen die von außerhalb des Körpers zur Körpergrenze gehen sind schließende Bewegungen. Dies durften wir dann mit Partner im Poonsao mithilfe des Kontaktpunktes üben. Dabei sollten wir einerseits den Kontakt zum Partner nicht verlieren und zusätzlich bei öffnenden Bewegungen nicht über die Körpergrenze hinausschießen und bei schließenden Bewegungen nicht weiter als zur Körpergrenze schließen. Alles in allem also ganz schön viel auf das man achten musste. Nachmittags ging es dann weiter mit Latsao. Aus dem Latsao heraus wurden verschiedene Abwehrtechniken und Folgeangriffe für bestimmte Angriffe erlernt. Nachdem die Grundtechnik stimmte, durften wir uns gepolsterte Handschuhe anziehen und auch mal etwas kräftiger zuschlagen. Man merkte auch, dass es Meister Cosimo sehr wichtig ist, nicht nur in der Defensiven zu agieren, sondern immer mehr in die Offensive zu gehen. D.h. nicht nur Angriffe abwehren, sondern auch mal mit Gegenangriffen antworten oder selbst vorab die initiative Ergreifen.

Am Mittwochmorgen ging es dann weiter mit Black Belt Mark Davis im Luta Livre. Dabei wurden in bereits bekannten Bewegungsmustern neue Schwerpunkte gelegt. Es wurde auf viele Details geachtet, die mir so noch nicht aufgefallen sind. Besonders gut fand ich, dass diese Details nicht nur für den Anfänger wichtig sind, sondern auch Fortgeschrittenen weiter helfen können. Da wir an dem Tag nur eine kleine Gruppe waren, haben sich Mark und sein Trainingspartner Can für jeden Zeit genommen und immer mal wieder nachgeholfen, wenn denn mal eine Übung nicht so gut funktioniert hat. Besonders schön war auch die Übergabe des Blaugurtes an Meister Cosimo My. Man hat ihm angesehen wie überraschend das für ihn war. Da es im Luta Livre so Tradition ist, durften wir ihn anschließend alle einmal auf die Matte werfen, sogar die Neulinge. Und anschließend gab es ein sehr schönes Gruppenfoto mit seinem neuen Luta Livre Shirt.

Nach der Mittagspause ging es dann wieder weiter mit den WT-Sektionsabläufen. Dabei wurde mir wieder mal klar, wie wichtig es ist, dass man einen stabilen Stand hat und in Balance ist. Nachdem Sifu Cosimo uns die Feinheiten in Struktur und Ausrichtung der Sektionsabläufe eingetrichtert hatte, durften wir diese dann in die Praxis umsetzen. Dabei sollten wir weiterhin drauf achten, dass wir bei unsere Körpergrenze nicht aus den Augen verlieren. Das Training knüpfte also an die Trainingsschwerpunkte der letzten Tage an.

Am Donnerstag ging es dann weiter mit der WT-Mechanik und Struktur im Stand, Schrittarbeit und Grundtechnik gegen verschiedene Angriffe.  Zu Beginn bekamen wir die Grundtechnik einzeln vor dem Spiegel vermittelt. Erst als das einigermaßen saß, durften wir diese mit Partner üben. Dabei wurde aus dem Latsao heraus angegriffen und der andere musste daraufhin die erprobte Technik ausführen. Dabei war es ganz egal ob der Partner eine rechte Grade, linke Gerade oder Schwinger rechts oder links gab, denn die Technik funktionierte egal bei welchem Angriff. Somit hatte man eine Abwehr gegen mehrere Angriffe. Dies ist besonders für Anfänger sehr gut, denn man neigt ja gerne mal dazu mehrere Techniken durcheinander zu würfeln. Und wenn man mal im Stress ist, dann verhält man sich sowieso anders und spult nur noch ab was bereits an Bewegungsabläufen im Gehirn gespeichert ist. Besonders gut fand ich auch, dass Sifu Cosimo uns die Option gab uns Helme aufzusetzen, damit man mal etwas fester zuschlagen konnte. Meine Trainingspartnerin und ich haben die Schläge zum Hals ohne Helm eher zaghaft ausgeführt, da wir den anderen nicht verletzten wollten. Aber mit Helm da haben wir uns nicht zurück gehalten und wurden mit sehr viel Spaß belohnt. Was an diesem Tag auch wieder sehr klar wurde, war das Sifu Cosimo uns nicht nur die Abwehr beibringen wollte, sondern auch den Gegenangriff. Außerdem war auch bei dieser Übung ein stabiler Stand Gold wert.

Am Freitag hat Sifu Cosimo nahtlos an die Übungen vom Vortag angeknüpft. Dabei hat er sehr gut durchplant die Abwehr und Konterangriffe gegen Kicks in die vom Vortag geübten Techniken eingebaut. Besonders lustig war auch die letzte Übung. Dabei sollte der Partner sich solange im Kreis drehen, bis der andere in die Hände klatscht. Der Partner der sich im Kreis gedreht hat, sollte sich danach sofort zu dem Partner ausrichten und die Abwehr und Konterangriffe, die wir die ganze Zeit geübt hatten, gegen verschiedene Angriffe ausführen. Ich muss sagen, ich war sogar ganz überrascht wie gut dies tatsächlich geklappt hat. Die Trainingseinheiten vom Vortag und vom Vormittag haben anscheinend sehr gut gefruchtet und einige Bewegungsmuster waren bereits auf Abruf vorhanden.

Am Nachmittag ging es dann weiter mit dem EWTO-Chikung von Regina Korabtsova. Da dies für mich noch Neuland war, war ich natürlich schon gespannt darauf was mich erwarten würde. Und auch hier wurde ich nicht enttäuscht, genauso wie auch das WT und das Luta Livre war die Chikung- Einheit von Regina sehr gut durchgeplant und knüpfte an die bereits trainierte Struktur und Balance im Stand an. Außerdem hat sie mir die SiuNimTau auf eine Art und Weise nähergebracht, wie ich sie noch nicht betrachtet hatte. Hierbei legte sie den Fokus auf die Beweglichkeit der einzelnen Gelenke des Körpers. Es ist echt schon sehr erstaunlich was unser Körper alles leisten kann und was für ein komplexes System wir in uns tragen. Durch diese Bewegung der Gelenke in alle Richtungen schaffte sie es die müden Muskeln der letzten Tage zu lockern und zeigte einem auch wie viel Spielraum die einzelnen Gelenke haben. Da wir im WT oft viele Bewegungen nacheinander ausführen und nicht unbedingt drauf achten, welchen Muskel wir konkret bei welcher Bewegung benutzen, lies sie uns jede große Muskelgruppe separat ansteuern und dies auch zur Hilfe mit den Händen erfühlen. Nachdem wir nun jeden Muskel separat ansteuern konnten ließ sie uns die Rumpfmuskulatur anspannen und uns mit angespannten Rumpfmuskeln einige Übungen ausführen. Dabei wurde auch klar wie wichtig es ist beim Sport den Rumpf anzuspannen und nicht nur gedankenlos eine Übung nach der anderen auszuführen und sich so womöglich die Gelenke zu ruinieren. Durch dieses angespannte „Viererpäckchen“ wie sie es nannte konnte man gezielt die Wirbelsäule bei vielen Bewegungen entlasten. Anschließend zeigte sie uns, wie hilfreich es sein kann, diese „Viererpäckchen“ beim normalen WinTsun einzusetzen.

Am letzten Tag von La Tortura ging es dann weiter mit Großmeister Thomas Dietrich im Newman-Escrima. Dabei wurden die Teilnehmer nach ihren Schülergraden in zwei Gruppen aufgeteilt. Da ich im Escrima noch ziemlicher Anfänger bin, fand ich es sehr gut, dass wir in den zwei Gruppen verschiedene Übungen bekommen haben. So wurde der Anfänger nicht überfordert und der Fortgeschrittene nicht unterfordert. Durch das schöne Wetter entschied sich Großmeister Thomas Dietrich draußen zu trainieren, wo wir ziemlich viel Platz hatten. Nachdem wir mit normalen Escrimastöcken den uns bereits bekannten Hinweg der ersten Form durchgegangen sind, durften wir dann den Beginn des Rückweges in Form der Dachkonter üben. Außerdem die Abwehr gegen Hiebe von unten. Dabei sollten wir den Stock zuerst in die Armbeuge legen und den Arm schaukeln, als ob wir ein Baby hielten. Dabei durfte das imaginäre Baby natürlich nicht zu Boden fallen, sprich die Stockspitze durfte nicht zum Boden zeigen. Für mich eine sehr gelungene Eselsbrücke, die mir wahrscheinlich noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Man merkte dabei aber natürlich auch, dass einige von uns noch nie ein Baby im Arm hatten, das Arm Ding fiel des Öfteren mal zu Boden.  Fortführend zu dieser Übung durften wir zum ersten Mal mit dem Langstock trainieren, dabei durften wir die gelernte Abwehr gegen Angriffe mit dem Langstock abwehren. Anschließend zum Escrima hat Sifu Cosimo für alle Pizza bestellt, die bei einem gemütlichen letzten Zusammensein verspeist wurde.

Abschließen kann ich sagen, dass ich sehr froh bin mich für die La Tortura Woche angemeldet zu haben. Es war eine sehr schöne Zeit mit vielen netten Leuten, hilfreichen Tipps und einer sehr guten Stimmung. Positiv aufgefallen ist mir die strukturelle Planung des ganzen Events, ich hatte des Öfteren das Gefüh,l dass sehr viel Zeit in die Planung des Events und auch des Unterrichts investiert wurde und die Themen aufeinander abgestimmt wurden. Mir persönlich hat es sehr viel gebracht, vor allem was meine Struktur angeht. Ich habe jetzt nicht mehr das Gefühl, dass mich jeder einfach wegschubsen kann, sondern dass ich tatsächlich sehr stabil stehe und auch schwereren Personen etwas entgegen zu setzen habe. Vielen Dank an alle Trainingspartner, Großmeister Thomas Schrön, Großmeister Thomas Dietrich, Black Belt Mark Davis mit Trainingskollege Can und vor allem an Sifu Cosimo, dass er dieses Event ermöglicht und so gut durchgeplant hat. Also lasst Euch nicht aufhalten und blockt schon mal den 01.-07.August 2021, dann geht es bei LaTortura 2021 wieder Rund… ;-)

Michelle Oswald