WingTsun

Im Ernstfall knallharte und erschöpfende Grenzverteidigung

Diesmal betrachten wir Bewegungen aus dem sechsten Satz. Wie werden sie ausgeführt, worauf müsst ihr achten? Und wann kann ich diese „Techniken“ einsetzen?

Die einleitende Bewegung im sechsten Satz ist wie im dritten Satz der TanSao. Oft taucht die Frage auf: „Gibt es einen Unterschied in den beiden TanSao-Bewegungen?“ Antwort: „Der einzige Unterschied besteht in der Geschwindigkeit.“ Im sechsten Satz schnellt der TanSao direkt und dynamisch nach vorn an die Zentrallinie. Das Ganze ist ein gutes Beispiel dafür, dass eine Bewegung zunächst langsam und achtsam geübt werden sollte, damit man die Feinheiten erspürt und herausarbeiten kann. Danach kann, wenn die Bewegung verinnerlicht ist, die Geschwindigkeit folgen.

Beim folgenden DjamSao achtet darauf, nicht auszuholen! Das würde quasi zu einem Zurückziehen führen und wäre praktisch eine Einladung für den Gegner, uns zu erwischen. Beim DjamSao senkt sich der Unterarm parallel zum Boden, der Ellbogen verlässt die Mitte.

Auch wenn die Fotoperspektive es verzerrt: Die Hand geht nicht höher als das Ohrläppchen, die Fingerspitzen zeigen gerade nach vorn. Der Arm bleibt an der Körpergrenze.

Eine weitere Bewegung im sechsten Satz ist der schöpfende Arm – LauSao. Der Name kommt durch die Ähnlichkeit zustande, die dabei entsteht, wenn man sich mit einer Hand Wasser aus einem Brunnen nach oben erschöpft. In der Form wandert die schöpfende Hand an der Körperkontur/Schulterlinie, nachdem sie sich im Anschluss an den GwatSao um 180° gedreht hat, bis auf Höhe des Ohrläppchen nach oben. Schulter und Bizeps dabei nicht anspannen.

Die LauSao-Bewegung kann als Anwendung bei Fußtritten auf Hüfthöhe oder höher eingesetzt werden. Allerdings muss man sich durch den GwatSao geschützt – der im Ernstfall unsere Körpergrenze knallhart bewacht – in den Angriff hineinbewegen, um die Wirkung des Tritts abzumildern. Der LauSao „schöpft“ anschließend das angreifende Bein und nun kann der Gegner mit einem Stoß leicht aus seinem Gleichgewicht gebracht werden, da er nur noch auf einem Bein steht. Wichtig ist dabei, dass die Kraft aus unserem ganzen Körper generiert wird, nicht nur aus dem Arm. Hier spielt die „Kraft aus den sieben Gelenken“ wieder eine Rolle.
 

Kraft aus den sieben Gelenken

Was soll das bedeuten? Wichtig ist im WingTsun, dass man versucht die Kraft aus möglichst vielen Muskelgruppen zu nutzen und diese zu addieren.

Deswegen ist man auch als relativ schwacher Mensch in der Lage, einen stärkeren Gegner zu überwinden. Die sieben Gelenke, aus denen Kraft generiert werden kann, sind folgende:

  1. Fußgelenk
  2. Kniegelenk
  3. Hüftgelenk
  4. Wirbelsäule (wird als eines gezählt)
  5. Schultergelenk
  6. Ellbogengelenk
  7. Handgelenk

Kraft wird dadurch produziert, dass man sich wie eine Feder in den Gelenken eindrücken lässt oder selbst auflädt. Dann entlädt man die Spannung in den Gelenken explosionsartig und nutzt die Kraft aus den verschiedenen Muskelgruppen.

Explosionskraft trainieren: der tiefe Handflächenstoß

Ein weitere Möglichkeit, Explosionskraft und Ansteuerung in diesem Satz zu trainieren, bietet der abschließende tiefe Handflächenstoß. Wenn ihr ihn in der Form trainiert, ist das Ziel des Stoßes auf Höhe eures Bauchs.

 

Vielleicht denkt ihr beim nächsten Mal daran, wenn ihr Wasser aus einem Trinkbrunnen schöpft: „WingTsun steckt überall.“

 

 

 

Text: Sadek Radde/hm
Fotos: mg