Editorial

Was macht das iWT anders?

Ende der 1950er Jahre begann ich mit Kampfsport. Nachdem ich nach über 10 Jahren Judo, JuJitsu, Karate, Kempo, Taekwondo, Hapkido usw. den Verdacht hatte, dass etwas Entscheidendes fehlte, fand ich das Fehlende 1970 im *ing *un:
1970 im Wing Chun von Joseph Cheng (London),
1976 im WingTsun von Leung Ting und
1979 im Non-Classical Gung Fu von Jesse Glover, dem 1. Schüler,1. Assistenten und besten Kämpfer von Bruce Lee.

 

Mir hatte eine logisch-klare Systematik anstelle eines Kataloges von hunderten von auswendig zu lernenden Einzeltechniken gefehlt, und die fand ich am besten dargeboten im WingTsun-Stil meines SiFus Leung Ting.

Nachdem ich – 40 Jahre später – im Jahre 2000 meinen 10. Meister-Grad im WingTsun erhielt, bekam ich – nun aber auf viel höherem Niveau – wieder so einen Verdacht, als ich das Große Prinzip aller WingTsun-, Ving Tsun- oder Wing Chun-Stile („Bleibe kleben, an dem was kommt, begleite nach Haus, was geht, und stoße vor, wenn du den Kontakt verlierst!“) für diverse Universitäten auf Funktionalität abklopfte.

Als ich WingTsun – wohl als Erster – schon in den 1990er an die Universität brachte und zu einem wissenschaftlichen Thema machte, was seine Kampflogik anging, erkannte ich:
Ein persönlicher Stil des WingTsun, auch nicht der vermeintlich beste, für den man den seines SiFus ja immer halten möchte, kann niemals ein „wissenschaftlichesWingTsun sein.
Dafür transportiert er zu viele Vorlieben und Abneigungen, Vorurteile und „blinde“ Flecken. Und zu viele beinahe religiöse Traditionen und nicht hinterfragte Gewohnheiten.

Mir war inzwischen klar, dass meine Untersuchung mit den Prinzipien und Grundannahmen beginnen muss, von denen eine Selbstverteidigung behauptet auszugehen.

Wirklich von Prinzipien gehen nur die inneren Stile aus und sie formulieren sie für ihre Schüler oft gesammelt in Gedichtform.

Nach einer Denk-Pause von 40 Jahren und als 10. Meistergrad der mitgliedsstärksten Yip Man-Familie, wagte ich es, mich meines eigenen Verstandes zu bedienen, um WingTsun – als Prinzip, nicht als Stil – selbst zu denken, alles in Frage zu stellen und mit dem einzigen anzufangen, dessen wir uns völlig sicher sein können: mit dem physischen Kontaktpunkt, den ich den Meeting Point mit dem Gegner nannte.

Ich entwickelte meine Gestänge-Theorie, die Prof. Tiwald, mein Mentor, freundlicherweise als meinen „Goldschatz“ lobte. Ich kam ziemlich weit mit dem eigenen Denken, das aber nur auf meinen eigenen Erfahrungen mit den externen Stilen fußte. Es war Horst Tiwald, der mich zu seinen Freunden bei den internen Stilen schickte und es mir damit ersparte, deren Rad ein zweites Mal zu erfinden.

Dieses Mal begann ich, die Theorie und Praxis von ca. neun, zum Teil völlig unbekannten inneren Kampfkunst-Stilen zu erforschen, wobei ich nun schon klar wusste, wonach ich nicht suchte:

  • nicht nach einzuschleifenden „toten“ Bewegungen;
  • nicht nach Methoden, die vor allem darauf beruhen, dass man ein Frage- und Antwortspiel auswendig lernen muss.
  • nicht nach Methoden, deren Wirksamkeit auf rohe Körperkraft, Ausdauer, Einsteckvermögen, Kondition, Reaktion, Instinkten, falschverstandener Spontaneität & Kreativität und blinder Aggression basiert.

Diese Reise war ziemlich linear, weil ich in Prof. Horst Tiwald, meinem Ratgeber und listenreichen Odysseus, einen Reiseführer hatte, der mir alle Stationen dieser Reise ausweisen konnte. Während er von seinem Schreibtisch unsere (= meine und Natalies) Entdeckungen und Erlebnisse per E-Mail und Video verfolgte, war ich sein Telemachos, sein „Kämpfer in der Ferne“, und so unterschrieb ich auch meine Berichte an ihn.

Was habe ich nun von inneren Künsten in mein iWT übernommen?

Techniken und Bewegungen nicht, davon haben wir im WingTsun schon genug.
Zuerst half mir die Beschäftigung mit inneren Stilen, „tote Bewegungen“ durch „lebendiges Bewegen zu ersetzen. Das war der erste Schritt, auch manche innere Stile gehen darüber nicht hinaus.
Später gelang es mir – nicht ohne Hilfe – meinen Blick darüber hinaus zu erweitern: auf Denken in Punkten, Linien, Kurven und bloßer Energie.

Zu diesem Zweck adoptierte ich:

  • Die Dreidimensionalität, das Zirkuläre, jedes Bewegen hat ein Vor & Zurück, ein Links & Rechts, ein Hoch & Runter, ein Weiten und Schrumpfen.
  • Balance und damit Entspannung. Das Separieren von Yin & Yang, ein sehr einfaches Kraftmanagement, das einen starken Bewegungsmotor bewirkt, der mit Hilfe einer klaren Struktur seine Wirkung entfaltet.
  • Natürliches Öffnen & Schließen der Gelenke, Gelenk- & Faszienkraft, Verwendung der horizontalen Drehung, aber auch der Gewichtsverlagerung.
  • Benutzen indirekter statt direkter Kräfte. Multivektorales Angreifen.
  • Gezieltes Verwenden von Konvex & Konkav.
  • Kleben am physischen Kontaktpunkt u.a. durch Ansaugen. Den Gegner zum Dranbleiben zwingen durch Herstellen und Darbieten einer Sphäre und entsprechendem Druck.
  • Kein Widerstand, aber auch nicht das Gegenteil, das Nachgeben!
  • Kein automatisches blindes Reagieren, sondern im zen-buddhistischen Sinne von Prof. Tiwald zumindest solange achtsames, vollbewusstes Handeln, wie es der eigene Skill-Level erlaubt.

Ich möchte hoffnungsvoll davon ausgehen, dass das Dr. Leung Jan1-WingTsun (1816 - 1891) diese inneren Aspekte, die eine überlegenere Kampfstärke ergeben, damals noch aufwies.
Darauf weisen einige Zitate und in den Formen hinterlassene Hinweise hin.

Außerdem glaube ich, in den alten WT-Solo-Formen Indizien zu erkennen, dass innere Aspekte zumindest Pate gestanden haben müssen bei der Erschaffung des WingTsun (Ving Tsun, Wing Chun).

Leider hatte der berühmte Yip Man, anders als sein eigener KungFu-Großvater Dr. Leung Jan, mit den inneren Aspekten des WingTsun nichts im Sinn. Der ca. 10 Jahre alte Yip Man, der von seinem SiFu Chan Wah Shun lernte, war nicht reif genug für diese Konzepte, die auch dreimal so alte Schüler nicht begreifen können. Und später hat er sich offenbar auch nicht für sie erwärmen können.

Damit will ich nichts gegen GGM Yip Man sagen, der wie Bruce Lee, den man in diesem Falle durchaus in einem Atemzug nennen darf, dafür verantwortlich ist, dass WingTsun – egal in welcher Schreibweise – der größte und berühmteste KungFu-Stil geworden ist.

Bruce Lee sprach oft rühmend über innere Aspekte, aber er starb zu früh, um sich intensiv genug mit ihnen beschäftigen zu können. Kaicho Jon Bluming war wohl einer der besten Kämpfer seiner Zeit, aber sein Können beruhte nicht auf inneren Methoden. Der geniale Boxer Muhamamd Ali errang seine KOs ohne innere Kräfte. Kein mir bekannter MMA-Kämpfer ist ein innerer Stilist. GM Gokor braucht für seine berühmten Beinhebel keine Yin/Yang-Kräfte!

Inneres KungFu ist ein Raffinement, eine Optimierung aller 7 Fähigkeiten, die Zeit und Energie erfordert, die die meisten lieber in den Erwerb von mehr Techniken oder in Kondition investieren. Wogegen nichts einzuwenden ist.

Für die meisten, die sich auf den Weg des Inneren KungFu machen, stellt dieser Aspekt der Vervollkommnung die höchste Stufe der Kampfkunst dar. Es geht ihnen nicht mehr darum, sich im Kampf mit einem äußeren Gegner zu beweisen. In der Regel ist ein Meister der internen Kampfkunst kein Jüngling mehr. Er hat schon viele Jahre externer Kampfkünste hinter sich und seine Kämpfe da draußen schon gekämpft.

Das Kämpfen mit dem Ziel, andere zu besiegen, verliert zunehmend an Bedeutung. Die Auseinandersetzung mit sich selbst, die Selbstbeobachtung und das Sich-selbst-Erkennen tritt in den Vordergrund: Kann ich meinen Leib vereinen? Kann ich bei mir bleiben – auch im Stress eines Kampfes? Man setzt sich weiterhin stressvollen Kampfsituationen aus, aber das Kämpfen ist nicht mehr das Ziel, sondern das Mittel, um den Grad seiner Vervollkommnung zu testen. Wie achtsam kann ich sein, wie bewusst kann ich unter Stress sein, bevor ich in instinktives blindes tierisches Kämpfen zurückfalle?

Vielleicht ist das eine Erklärung dafür, warum Könner des Inneren KungFu kaum Interesse daran zeigen, ihre erstaunlichen Fähigkeiten, die sich zweifellos gewinnbringend im Kampf einsetzen lassen, bei Vollkontakt-Wettkämpfen unter Beweis zu stellen.

Ob ich mir auch diejenigen südlichen *ing *un-Stile angesehen habe, die nicht der Yip Man-Linie angehören? Natürlich ist das der erste, sich aufdrängende Gedanke, aber damit begann ja meine Reise 1970:
Mein erster SiFu, Joseph Cheng, hatte von Lee Sing gelernt, der, bevor er von Yip Man Unterricht bekam, bei zahlreichen anderen Linien des *ing *un, u.a. auch bei der Dr. Leung Jan-Richtung gelernt hatte. Vereinzelte Aspekte, nach denen ich fahndete, konnte ich bei einem zweiten Besuch dort z.T. noch unausgeprägt entdecken, aber nur, weil ich wusste, wonach ich suchte.

Sollte es also so sein, dass ich – in meiner Liebe zum WingTsun – aus ihm mehr heraushole, als vorher drin war, würde mich das als Wissenschaftler, der Wissen schaffen will, auch nicht betrüben; denn Weiterentwicklung muss immer den Vorrang vor bloßem Bewahren haben. Zumindest dann, wenn es um die optimale Selbstverteidigung im Echtkampf geht.
 

Lasst uns die spannende iWT-Reise gemeinsam fortsetzen!

Euer SiFu/SiGung
Keith R. Kernspecht

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1Vorsicht: Heute mag sich hinter einem Buch mit dem Titel „Dr. Leung Lan-Wing Chun“ oder Schulen dieses Namens jemand verbergen, der mit Dr. Leung Jan aber auch gar nichts am Hut hat, sondern irgendeinen Yip-Man-Stil aus Hongkong gelernt hat.