WingTsun

Trotz Handicap selbstbewusst und angemessen in Konfliktsituationen auftreten

Bereits vor etwa einem Jahr berichteten wir über ein ungewöhnliches Kursangebot von EWTO-Schulleiter Oliver Milhoff aus Brilon. Damals ging es um einen Selbstbehauptungskursus für die Bewohner der Briloner Caritas-Wohnhäuser, in denen etwa 140 Menschen mit verschiedensten Handicaps leben. Unter seiner fachkundigen Anleitung wurde geübt, wie man alltäglichen Konfliktsituationen angemessen und sicher begegnen kann. Dieses Mal leitete Oliver Milhoff, 2. HG, einen Workshop für Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen.

Angemessenes Reagieren in Konfliktsituationen war auch das Thema eines Kurses, der im Rahmen der „Makulawoche 2017“ für Menschen mit altersbedingter Makuladegeneration (AMD) oder Makuladystrophien veranstaltet wurde. Die Vorsitzende Heike Ferber des Arbeitskreises Makula von PRO RETINA Deutschland e.V. in Warstein hatte diese Veranstaltung initiiert. Als kompetenten Partner holte sie sich WingTsun-Lehrer Oliver Milhoff ins Boot.

Bei der AMD handelt es sich um eine Netzhauterkrankung des Auges. Die Folge ist ein Abnehmen des Sehvermögens in der Mitte der Netzhaut, der Stelle des schärfsten Sehens. Erste Symptome sind eine verschwommene und verzerrte Wahrnehmung im Zentrum des Gesichtsfeldes. Dadurch wird das Lesen, aber auch das Erkennen von Personen, immer schwieriger, bis die Mitte des Gesichtsfeldes nur noch als dunkler Fleck wahrgenommen wird. Das periphere Sehen außerhalb der Mitte bleibt erhalten. Die Krankheit nimmt meist nach dem 60. Lebensjahr sprunghaft zu. In Deutschland sind etwa vier Millionen Menschen davon betroffen.

Etwa 40 Teilnehmer/innen bekamen gemeinsam während der Makulawoche 2017 erstmals die Gelegenheit, an einem Workshop für Selbstbehauptung- und Selbstverteidigung aktiv teilzunehmen. Oliver Milhoff von der WingTsun-Schule Brilon übte mit der motivierten Zielgruppe 55Plus, wie Menschen trotz Handicap selbstbewusst und angemessen in Konfliktsituationen auftreten können.

Empathisch und humorvoll gelang es dem Dozenten klarzumachen, wie wichtig eindeutige Körperhaltung und gezielter Einsatz der Stimme sind. Im praktischen Teil des überaus kurzweiligen Vormittags hieß es, sich aus dem Griff eines möglichen Angreifers zu befreien.

Den Griff zu lösen, übten die Teilnehmer mit und ohne Blindenlangstock. Außerdem stand auf dem Programm, wie sich durch einen beherzten Konter, weitere Übergriffe unterbinden lassen können.

Aber auch bei der Gegenwehr ist die Stimme unsere schärfste Waffe“, erklärte Oliver Milhoff. „Wir müssen – hoffentlich – vorhandenen Zeugen deutlich zeigen, dass wir die Auseinandersetzung gar nicht wollen und unsere physische Gegenwehr das letzte aller zur Verfügung stehenden Mittel ist!“

Fassen Sie mich nicht an!“, hallte es energisch durch den Übungsraum. Nur einer ließ sich durch das lautstarke Rufen der Teilnehmer nicht aus der Ruhe bringen: Blindenhund Anton.

In der abschließenden Fragerunde ließen zahlreiche Fragen und Bemerkungen deutlich erkennen, wie groß das Bedürfnis nach eigener Sicherheit ist. Der Austausch von gemachten Erfahrungen verschiedener Teilnehmer/innen untereinander rundete den Workshop sinnvoll ab. Hinterher waren sich alle einig: „Wir können stark sein – trotz Handicap!

Text und Fotos: Oliver Milhoff/Heike Ferber/Brilon-totallokal.de