Editorial

Ip Man ist schuld!

Ip Man ist schuld – der aus den Filmen, nicht der echte Yip Man! Ja, der aus dem wirklichen Leben nannte sich tatsächlich Yip Man, nicht Ip Man, aber das ist eine andere Geschichte. Ich glaube zumindest, Ip Man ist schuld an der Erwartungshaltung, wie „echtes“ WingTsun (oder Wing Chun oder Ving Tsun usw.) auszusehen hat. Manchmal scherze ich im Unterricht, wenn ich etwas erkläre, und sage dann: „Seht ihr, das ist richtig so, denn im Film macht es Ip Man auch genauso …“

 

So sehr ich die Ip Man-Filme mag – nicht zuletzt, weil sie unsere Kampfkunst in der Öffentlichkeit bekannter gemacht haben –, zeigen sie nicht das wahre Leben Yip Mans und die Kampfszenen sind extrem übertrieben: Da kämpft Ip Man zuerst gegen eine Hundertschaft japanischer Schwarzgurte, dann gegen Mike Tyson und in der nächsten Episode wird er sicher gegen Aliens oder gegen Nordkorea antreten oder Ähnliches …

Es ist aber nicht nur, dass das Filmklischee eine Erwartungshaltung auslöst, wie WingTsun auszusehen hat. Es gibt Wing Tsun-(oder Wing Chun-, Ving Tsun- usw.)Praktizierende, die glauben, dass in ihrem WingTsun-Kampfbewegen nur Techniken zu sehen sein dürfen, die aus den traditionellen Formen bekannt sind.
 

Was ist daran falsch?

Mit Ausnahme der Holzpuppenform, lernt man die Formen nicht, um sie eins zu eins anzuwenden, sondern um aus ihnen verschiedene Dinge zu lernen:

  1. Wer im WingTsun fortgeschritten ist, wendet keine Techniken mehr an, sondern hat Fähigkeiten und Reaktionen entwickelt und bewegt sich biomechanisch optimiert aufgrund von Prinzipien. Dabei ist es okay, dass der Anfänger Techniken lernt, denn diese dienen als Beispiel, um die Prinzipien zu verstehen und zu verinnerlichen.
     
  2. Wenn eine Reaktion – z.B. ein BongSao – entsteht, dann ist diese an den Partner/Gegner angepasst.
    Die Position zum Gegner und die Aufgabe des BongSao haben ihn so geformt und lassen ihn so aussehen, wie er aussieht. Ein „Norm-BongSao“, wie er z.B. in der SiuNimTau gelernt wird, ist ein Rohling, der nicht auf die Situation, die sich im Übrigen ständig ändert, angepasst ist.
     
  3. „Form follows function“ – übersetzt: „die Form folgt der Funktion“ – hat im WingTsun verschiedene Bedeutungen. Ich will hier in diesem Editorial nicht auf die weitere Bedeutung der Funktion im iWT im Sinne der Mathematik Freges eingehen.
    Eine der grundlegenden und einfachen Bedeutungen ist aber die, die schon in der Bauhaus-Epoche der Architektur aufgestellt wurde. Kurz erklärt, geht es darum, dass z.B. bei Gebäuden oder Produkten nicht das Aussehen, sondern die Funktion im Vordergrund steht. So ist es auch in unserem WingTsun. Das optische Aussehen meiner WingTsun-Bewegungen muss zunächst zurücktreten zugunsten der reinen Funktionalität im Bereich der Selbstverteidigung.
     
  4. Es stellt sich hier aber immer noch die Frage, warum manche Dinge ganz anders aussehen als ursprünglich z.B. in Hongkong. Ein Grund dafür ist, dass wir hier in Europa mehr zweckorientiert arbeiten. Prof. GM Keith R. Kernspecht hat schon vor etlichen Jahren im Rahmen seiner universitären Arbeiten das Prinzip der Rückwärtsplanung eingeführt. Dabei analysierte er, was eigentlich auf der Straße – im Gegensatz zum geschützten Schulbetrieb, in dem wir trainieren – passiert. Ein Beispiel ist, dass in der freien Wildbahn meist keine geraden, vertikalen WingTsun-Fauststöße vorkommen, sondern wilde kurvige Schläge aus verschiedenen Winkeln – sog. Heumacher. Werden solche Schläge ins PoonSao und überhaupt ins ChiSao eingebaut, müssen meine Reaktionen ganz anders aussehen (z.B. Ganzkörperbewegungen). Wenn ich am Angriff kleben will, dann entstehen völlig andere Armbewegungen als traditionell durch die Formen vorgegeben. Deshalb schreibt GM Kernspecht ja auch, dass die im tatsächlichen Kampfgeschehen eingesetzten Bewegungen eher den ChiSao-Bewegungen entsprechen als den Form-Bewegungen.
     
  5. Um Inzucht zu vermeiden, haben wir in der EWTO mit den verschiedensten Einflüssen aus anderen Stilen experimentiert. So hat GM Kernspecht in den letzten Jahren diverse innere Stile erkundet und GM Thomas Schrön hat sich mit mir in der Grappling- und MMA-Szene umgesehen. Nur wer den Angreifer bzw. die konkreten Angriffsmethoden kennt, kann sich dagegen effektiv wehren. Wer diese nicht übt, kann sein blaues Wunder erleben, wenn wirklich jemand vor ihm steht, der nicht der eigene Schüler oder Trainingspartner ist. Das Internet ist voll von Videos, in denen Meister oder sogar Großmeister der verschiedensten Stile in der Realität komplett versagen, da sie nicht die kleinste Ahnung haben, was auf sie zukommt, sondern erwarten, dass der Gegner sie mit Techniken aus ihrem eigenen Stil angreift.
    Solche Überraschungen wollen wir unseren Schülern ersparen. Deshalb trainieren wir auch Übungen, bei denen Angriffe oder Bewegungsmuster anderer Stile zum Einsatz kommen.
     
  6. Der Kampf als Chaos: Der Kampf hat so viele Faktoren, dass wir uns dem Problem nicht rein technisch nähern können. Er ist ein kybernetisches System, auf das wir uns nur optimal vorbereiten können, indem wir Fähigkeiten schulen. GM Kernspecht arbeitete deshalb vor einigen Jahren die „Großen 7 Fähigkeiten“ für die Selbstverteidigung heraus.
    Wenn wir Fähigkeiten trainieren, sieht dies für den Außenstehenden meist nicht so aus, wie er sich WingTsun vorstellt.

    Beispiel 1: Zwei Schüler erhalten jeder einen gepolsterten Stock und es geht nun darum, wer wen zuerst trifft – dies ohne vorher Regeln festzulegen oder bestimmte Situationen zu üben oder eine Stockabwehr zu machen etc.
    Beispiel 2: Man stellt zwei Schüler auf eine Matte und lässt sie rangeln. Wer mit einem Fuß die Matte verlässt, hat verloren. Mit solchen Übungen, die meist chaotisch aussehen, werden aber Fähigkeiten der „Großen 7“ und weitere geschult.
     

  7. Es wird verallgemeinert. Oft werden Aussagen des Lehrers falsch interpretiert, indem sie nicht für die spezielle Situation aufgefasst, sondern als allgemeine Regel manifestiert werden.
    Beispiele:
  • Der Stand bzw. Schritt muss immer einspurig sein.
  • Der Daumen muss beim TanSao angelegt sein.
  • Der WingTsun-Fauststoß muss immer vertikal mit engem Ellbogen sein usw.

    Fakt ist:

  • Ein einspuriger Schritt bzw. Stand ist in vielen Situationen kontraproduktiv, in manchen aber perfekt. Übrigens: Auch traditionell gibt es einen zweispurigen Stand bzw.  Schritt: in der Doppelmesserform!
     
  • Der Daumen ist manchmal abgespreizt sehr „tricky“ und kann helfen, mehr zu fühlen, den Gegner zu blockieren oder ihn zu ziehen. Es kann aber in der falschen Situation auch dazu führen, dass der Gegner den Daumen brechen kann. Deshalb hat uns Gott ein Gelenk gegeben, um ihn bei Bedarf ein- oder auch wieder ausklappen zu können – je nach Situation!
     
  • Der enge, vertikale WingTsun-Fauststoß, so wie er z.B. in der SiuNimTau unterrichtet wird, ist sinnvoll, um den gegnerischen Arm von außen zu blockieren oder gerade durch eine Lücke zu stoßen. Aus der Flanke ist eine waagerechte Faust mit einem ausgestellten Ellbogen meist sinnvoller, da der gerade Fauststoß, wenn der Gegner die Schulter anhebt und den Kopf einzieht, sein Ziel nicht mehr erreichen kann. Wer glaubt, dass dies entspräche nicht der WingTsun-Tradition, sollte sich die BiuDjie-Form ansehen.

Wer WingTsun also nur nach der Optik (z.B. aus Bildern und Videos) entsprechend seines Anfänger-WingTsun-Verständnis‘ beurteilt, der ist selbst im WingTsun-Anfängerprogramm steckengeblieben oder er betreibt WingTsun aus historischen Gründen, d.h. er will also alles genauso kopieren, wie es früher gemacht wurde, ohne zu überlegen, ob es noch zeitgemäß ist oder funktioniert.
Ich vergleiche das gern mit Entwicklungen in der Medizin, wo der Fortschritt auch oft durch Traditionalisten blockiert wird: Heute noch ein Loch in den Kopf zu bohren, damit die Krankheit entweichen könne, ist wohl kaum fürs Wohl des Patienten förderlich.

In diesem Sinne: Genießen wir die Ip Man-Filme als das, was sie sind: Unterhaltung mit Fantasiewert und Zerstreuung. Aber behalten wir bei unserem Training die Realität im Auge! WingTsun manifestiert sich nicht durch Techniken, sondern durch Prinzipien.

Viel Spaß weiterhin bei eurem realitätsbezogenen WingTsun-Training!
Euer Oliver König