Editorial

Faszination WingTsun

Man sitzt im Kino, schaut sich einen Martial-Arts-Film an und ist begeistert, wie mühelos der Star agiert. Wie er sich elegant und schnell verteidigt, hohe Tritte und Handtechniken ausführt, geschmeidig und präzise. Alles scheint leicht, jeder Schlag ein Treffer.

 

Natürlich weiß man, dass alles nur ein Film ist, und doch ist man fasziniert. Man möchte diesem Filmhelden nacheifern, identifiziert sich mit ihm. In meinem Fall – und vermutlich für viele andere auch – war es der legendäre Bruce Lee.

Er zog mich in seinen Bann. Als 12-Jähriger ist man ja noch nicht so kritisch, sondern ist offen für Neues, offen zu träumen. Die Faszination von Bruce Lee ließ mich nicht so schnell wieder los. Ich sammelte alles über ihn und besaß nahezu alles, was man zu dieser Zeit über ihn finden konnte. Ich ging voll und ganz in meiner Begeisterung auf, schaute mir unzählige Male seine Filme an und hängte Poster an meine Wände. Mir war klar, ich wollte so gut werden wie Bruce Lee. So wollte ich mich bewegen und so souverän wollte ich kämpfen können.

Schnell hatte ich herausgefunden, dass Bruce Lee WingTsun gelernt hatte. Zu der Zeit gab es jedoch noch keine WingTsun-Schulen in der näheren oder weiteren Umgebung. So mietete ich einen kleinen Trainingsraum und übte ich für mich allein. Der Antrieb war die Freude an der Sache.

 

Endlich fand ich dann eine Unterrichtsstätte für WingTsun – eine Schule in Kiel. Für mich als 16-Jährigen war dies von der Schweiz aus dann doch eine rechte Entfernung. Deshalb war ich sehr stolz, als ich im Januar 1979 diese weite Reise antreten und zum ersten Mal unter Anleitung eines Sifus WingTsun trainieren konnte. Für mich war es ein absoluter Glücksfall: Es war mein SiFu Keith R. Kernspecht. Zu jener Zeit war er der einzige Anbieter von WingTsun/Wing Chun im deutschen Sprachraum.

Ich war von Anfang an fasziniert vom WingTsun – natürlich, weil Bruce Lee diese Kampfkunst ausgeübt hatte. Damals wurde WingTsun jedoch ganz anders unterrichtet als heute. Man musste stundenlang die gleiche Übung machen. Das war recht anstrengend. Doch mir machte das nichts aus. Ich war froh, jetzt einen SiFu zu haben, der mich unterrichtete und mir ein lebendiges Vorbild wurde. Ich war nicht mehr allein. Jetzt konnte sich mein Traum verwirklichen!

Da ich kaum mehr als einmal jährlich nach Kiel fahren konnte, übte ich weiter viel für mich allein. Alles, was ich von SiFu im Unterricht lernte, wollte ich immer mehr verstehen, um es für meinen Körper angepasst effizient ausführen zu können. Am Anfang waren dies Formen, Grundschrittarbeit und Kettenfauststöße. Ich übte alles hundertfach, nein, tausendfach, ohne dessen überdrüssig zu werden.

Heute, viele Jahre und x-tausend Übungsstunden später, ist der Auslöser – Bruce Lee – etwas in den Hintergrund gerückt. Mein Enthusiasmus und meine Faszination für diese Kampfkunst WingTsun dagegen sind ungebrochen. Nach wie vor übe ich regelmäßig ganz für mich privat – aus Freude an diesen Bewegungen und versuche dabei ständig, sie noch mehr zu optimieren.

Mich fasziniert diese Art, sich zu bewegen, den Körper immer gezielter anzusteuern und einsetzen zu können, ihn noch besser zu spüren. Das macht mir einfach Freude: Freude am Üben und daran, das Erlernte zu vertiefen und weiterzuführen.

Ich bin mir sicher, dass viele andere Menschen durch einen ähnlichen Impuls von außen mit WingTsun beginnen, z.B. durch die Yip-Man-Filme oder andere Personen, die WingTsun machen. Aus einigen werden richtige WingTsun-Fans. Und nicht für alle ist dies gleich. Jeder muss seine eigene Sache finden, worin er oder sie sich wohl fühlt und worin sie aufgehen können. Nicht jede Sache ist für jeden zugeschnitten.

Doch die Fans sind begeistert und wollen diese Kunst bis ins Detail erlernen, sie beherrschen. Sie sind wissbegierig auf alle Nuancen. Beim Unterrichten sehe ich dies in ihren leuchtenden Augen, wenn sie etwas für sich verstanden haben und umsetzen können.

 

Es fasziniert mich, Übungen zu entwickeln, um ein Detail zu verbessern. So, dass ich den Schülern zeigen kann, wie sie ihre Bewegungen optimieren können, müheloser, effizienter werden können. Es motiviert mich, wenn ich Feedback von Schülern bekomme, dass sie jetzt etwas besser verstehen und sie noch enthusiastischer an der Sache arbeiten.
Mich begeistert es, zu sehen, dass überall die gleiche Begeisterung zu finden ist, unabhängig von Alter oder körperlicher Fitness, von Nationalitäten oder Religionen.

Darum ist es mir wichtig, dem Schüler das zu geben, was er sucht und lernen will, genau so, wie ich erhalte, was ich gesucht habe. Für mich habe ich das Gefühl, dass ich erst gerade an der Oberfläche gekratzt habe. Da ist noch sehr viel zu entdecken. Das macht es so spannend, treibt mich, weiterzuforschen, zu sehen, wo es hinführen könnte, welche Erkenntnisse noch auf mich warten.

Schließlich sind es Neugier und Freude, die uns wirklich weiterbringen in dem, was wir tun. Sie sind wie der Wind, der die Segel bläht, so dass wir nicht rudern müssen.

Jetzt freue ich mich darauf, viele von euch in Hockenheim zu sehen und das Feuer der Begeisterung weiterzutragen.
Ich wünsche euch viel Freude mit eurem WingTsun!
Euer Giuseppe Schembri